Die Vision des Landes Nordrhein-Westfalen
Rede des Ministers a.D. für Wirtschaft, Mittelstand und Technologie des Landes Nordrhein-Westfalen, stellvertretend gehalten für den Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen, Johannes Rau, am 19. September 1991 auf dem Eröffnungskongress des Wuppertal Instituts
Meine Damen und Herren, ich möchte Ihnen zunächst herzliche Grüße eines Wuppertaler Bürgers, des Ministerpräsidenten, ausrichten. Der Ministerpräsident kann hier nicht anwesend sein, da sämtliche Ministerpräsidenten der Länder eine Einladung des Bundeskanzlers zu umfassenden Gesprächen über viele unterschiedliche Themenbereiche erhalten haben. Es ist selbstverständlich, daß sich der Regierungschef des größten Bundeslandes einer solchen Einladung nicht entziehen kann.
Ihr zahlreiches Erscheinen werte ich als Indiz dafür, wie überfällig die Gründung des neuen Instituts war und welch großes Interesse das Aufgabenfeld in Kreisen der Wissenschaft, Wirtschaft und Politik gefunden hat. Ich halte das für einen hervorragenden Auftakt der Arbeit des Wuppertal Instituts. Die Aufgabenstellung des Instituts geht ja weit über die Tagespolitik hinaus, es wird - wie es Professor von Weizsäcker heute morgen formuliert hat - die der vor uns liegenden Jahrzehnte sein. Wer sich also kurzfristige Wunder verspricht, wird vielleicht enttäuscht sein. Aber: Wenn wir heute nicht beginnen, dann werden wir die Herausforderungen morgen und übermorgen immer noch nicht bewältigen können.
Das Stichwort von heute morgen war "ökologischer Strukturwandel". Mit dem rein ökonomischen Strukturwandel haben wir in diesem Lande in den letzten Jahrzehnten leben müssen und ihn zu einem guten Teil auch schon vorangebracht. In den Kernfragen der Grundsubstanz des ökologischen Strukturwandels werden wir viele Dinge neu beginnen müssen. Das wird auch die große Herausforderung sein. Das Wuppertal Institut soll die Schnittstelle zwischen -wissenschaftlicher Erkenntnissuche und praktischer Umsetzung sein. Seine vier Abteilungen: Klima, Energie, Stoffströme und Strukturwandel sowie Verkehr haben eine außerordentlich ehrgeizige Aufgabenstellung zu bewältigen. Die Landesregierung geht davon aus, daß sich das Wuppertal Institut auch bei dieser ehrgeizigen Aufgabenstellung sehr schnell Namen und Bedeutung über die Grenzen des Landes hinaus erwerben wird.
Die Gründung des Instituts soll auch als Zeichen verstanden werden, daß Nordrhein-Westfalen als Energieland Nummer Eins andere Aufgaben mitzubewältigen hat. Das Beharren auf bisherigen Positionen wird uns nicht helfen. Aber ich glaube schon, daß wir auch angesichts neuer Herausforderungen in Nordrhein-Westfalen, der Bundesrepublik und im zusammenwachsenden Europa die Funktion in vielleicht manchmal unterschiedlichen Positionen erhalten können. Umdenken wird notwendig sein. Wir erwarten dabei kritisches Begleiten durch das Wuppertal Institut. Ich wage an dieser Stelle eine Prognose: Nordrhein-Westfalen wird nur ein Spitzenstandort der Industrie bleiben können, wenn die hier produzierten Güter immer weniger Energie verbrauchen. Das gilt sowohl für die Herstellung als auch die Verwendung und Entsorgung des betreffenden Produkts. In die Produkte und Produktionsverfahren muß noch mehr Ingenieurskunst einfließen. Deshalb erwarte ich mir besonders von der Institutsabteilung Stoffströme und Strukturwandel interessante Anstöße.
Das größte Energiepotential ist vorhanden: Die jährlich auf die Oberfläche der Erde einfallende Sonneneinstrahlung beträgt etwa das Dreitausendfache der benötigten Primärenergiemenge der Menschheit. Es muß uns gelingen, dieses Potential zu vertretbaren Kosten zumindest ansatzweise zu nutzen. Deshalb haben wir versucht, die Partnerhochschulen, Großforschungseinrichtungen und Industrieunternehmen in dem Forschungs- und Technologieverbund "Arbeitsgemeinschaft Solar Nordrhein-Westfalen" zusammenzubinden. Die Landesregierung wird das Projekt wie bisher weiter unterstützen. Auch da werden wir keine kurzfristigen Wunder erwarten können.
Als ich vor 14 Tagen mit dem Vorstand der RWE unweit von Düsseldorf die größte europäische Photovoltaik-Pilotanlage in Betrieb genommen habe, hat keiner die Illusion gehabt, daß wir damit kurzfristig die Energieprobleme der Menschheit oder von Nordrhein-Westfalen lösen könnten. Aber: Wenn wir nicht heute anfangen, über die Lösungsmöglichkeiten von morgen nachzudenken, dann wird es uns nie gelingen, etwas zu erreichen. Wir müssen über den Tellerrand unserer eigenen Entwicklung schauen.
Wir werden in absehbarer Zeit als erstes Land in der Bundesrepublik einen Klimabericht vorlegen. Ich bin mir noch nicht sicher, ob er Patentrezepte für jeden Bereich anbieten kann. Aber der Versuch, auf der Ebene eines Landes so etwas in die politische Diskussion einzuführen, hat einen außerordentlich hohen Wert. Vor einem solchen Hintergrund wünsche ich Ihnen, Herr Professor von Weizsäcker, all Ihren Mitarbeitern, all den Gästen und Partnern, die sich hier zusammengefunden haben, einen erfolgreichen Start. Herzlichen Dank.
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