Vom Umweltschutz zur nachhaltigen Entwicklung
Gegründet wurde das Wuppertal Institut 1991, einem Jahr großer politischer Umwälzungen, von Johannes Rau, dem damaligen Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen. Aber nicht nur das Ende des Kalten Krieges und die deutsche Wiedervereinigung veränderten die Welt; als neue globale Herausforderung war der menschgemachte globale Klimawandel in das Bewusstsein der politisch Verantwortlichen gedrungen. Bereits 1987 hatte der Bundestag eine Enquete-Kommission "Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre" eingerichtet, und der Bedarf von Politik und Öffentlichkeit nach fundierter Aufarbeitung sowie Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse war deutlich geworden. Nordrhein-Westfalen als bedeutender Energiestandort würde von Überlegungen über zukünftig stark zu reduzierende Treibhausgas-Emissionen in besonderem Maße betroffen sein. Neben der Stromerzeugung durch Stein- und Braunkohle war auch der Energieverbrauch der Industrie, des Verkehrs und der privaten Haushalten in den Fokus zu nehmen, um sowohl von der Angebots- als auch der Nachfrageseite gesellschaftlich verträgliche Lösungen zu entwickeln. Entsprechend wurde das Wuppertal Institut konzipiert, das dann organisatorisch und finanziell an das Wirtschaftsministerium NRW angebunden wurde. Eine erste wissenschaftliche Vernetzung ergab sich durch die Mitgliedschaft im Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen.
An erster Stelle in seinem im Gesellschaftervertrag festgelegten Auftrag stand "Die Förderung von Maßnahmen und Initiativen zur Sicherung der Klimasituation, zur Verbesserung der Umwelt und zur Energieeinsparung als Schnittstelle zwischen wissenschaftlicher Erkenntnissuche und praktischer Umsetzung". Die Grundfinanzierung aus dem Landeshaushalt ermöglichte in der Anfangsphase die Arbeit von insgesamt 40 Wissenschaftlern und weiteren Angestellten. Schon bald zeigte sich, dass die Institutsthemen und die wissenschaftlichen Kompetenzen des Wuppertaler Teams für viele öffentliche Institutionen und für Unternehmen attraktiv waren, so dass zusätzliche Finanzmittel für Forschungsprojekte eingeworben werden konnten. Dies ermöglichte eine erhebliche Erweiterung des Personalbestandes, führte aber auch in der Folge zu einer drastischen Reduzierung der Landesfinanzierung. Doch zunächst zurück an den Beginn der Institutsarbeit.

In die Gründungsphase fiel die Vorbereitung des Weltgipfels von Rio, der 1992 ein Aktionsprogramm zur nachhaltigen Entwicklung verabschiedete, die "Agenda 21" aus der Taufe hob und eine Klimarahmenkonvention beschloss. Nachhaltiges Wirtschaften verlangte nach weitsichtigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entscheidungen, nach einer Abkehr von einer ausschließlich punktuellen, nur aktuelle Probleme behandelnden Umweltpolitik - die Forschungsstrategie des Wuppertal Instituts entsprach den damit gestellten Herausforderungen. Gründungspräsident Ernst Ulrich von Weizsäcker hatte bereits in seinem Buch "Erdpolitik" (1989) das Ende der "nachsorgenden" Umweltpolitik erklärt. Sein Ansatz war eine Ressourcenstrategie, die auf eine Minderung des Umweltverbrauchs durch eine "Effizienzrevolution" setzte und auch den Weg in "neue Wohlstandsmodelle" aufzeigte. Für einen wirksamen Klimaschutz besonders wichtig ist nach wie vor die Umsetzung beider Strategien im Energie- und dem Verkehrsbereich, denn dies sind die größten Emittenten. Nach diesem Konzept wurden die Forschungsabteilungen eingerichtet.
Pioniere wie Amory Lovins und Florentin Krause in den USA hatten überzeugend gezeigt, dass noch riesige Effizienzpotenziale bei der Energienutzung schlummerten. Peter Hennicke leistete hierzu Pionierarbeit zusammen mit Kollegen des Öko-Instituts und intensivierte seine Forschungsarbeiten als Direktor der Abteilung Energie. Friedrich Schmidt-Bleek erkannte beim Umweltbundesamt als einer der ersten, dass sich die seinerzeitige Umweltpolitik zu wenig um die großen Stoffströme gekümmert hatte, dass zusätzlich zu den durchaus erfolgreichen gesetzlichen Emissionsbegrenzungen für Schadstoffe die Stoffströme reduziert werden müssten, um die endlichen Material, Energie- und Naturressourcen zu schonen.
Mit dem Konzept des "Ökologischen Rucksacks" brachte er diesen Gedanken als Direktor der Abteilung Stoffströme und Strukturwandel in die wissenschaftliche und politische Diskussion ein.
Die Verkehrsabteilung unter Rudolf Petersen, der vorher im Umweltbundesamt und im NRW-Ministerium für Stadtentwicklung und Verkehr gearbeitet hatte, integrierte technische, gesellschaftswissenschaftliche und ökonomische Fragestellungen in den Forschungsprojekten und Lösungsvorschlägen für eine ökologische und sozial verträgliche Mobilität.
In der Abteilung "Klimapolitik" unter der Leitung von Jill Jäger aus der Schweiz ging es zunächst um Grundlagenforschung für den Aufbau einer nationalen und internationalen Klimapolitik. Abteilungsübergreifend wurde eine Arbeitsgruppe "Neue Wohlstandsmodelle" eingerichtet, koordiniert von Willy Bierter und Wolfgang Sachs, die sich mit ihrer Forschung vor allem nachhaltigen Lebensstilen widmeten. Querschnittsaufgaben wurden von den Bereichen "Systemanalyse und Simulation" sowie "Kommunikation und Öffentlichkeit" übernommen. Bildstelle, Bibliothek und Verwaltung komplettierten als Serviceeinheiten die Institutsstruktur und trugen maßgeblich zur erfolgreichen Institutsarbeit bei. Die Gesamtzahl der Beschäftigten hat sich durch das erfolgreiche Einwerben von Drittmitteln in den ersten zehn Jahren des Bestehens fast verdreifacht.
Die Abteilung "Klimapolitik" wurde vom Bundesumweltministerium beauftragt, für die erste Vertragsstaatenkonferenz zur Klimarahmenkonvention, die 1995 in Berlin stattfand, ein Gutachten über Optionen und Maßnahmen ihrer Weiterentwicklung zu erstellen. Die Auftraggeber des Instituts kamen überwiegend aus Politik und Verwaltung auf allen Ebenen zwischen Kommune und EU; der Bedarf nach Beratung zeigte sich auf internationaler Ebene sowohl in Industrieländern als auch in Entwicklungs- und Schwellenländern. Aber auch aus der Industrie wuchs das Interesse, zu den Auftraggebern gehörten bereits in den Anfangsjahren kleine und mittelständische Unternehmen, dazu kamen aber auch Großunternehmen wie ABB, Audi, Deutsche Bahn AG, Hoechst, Preussen Elektra, Procter & Gamble, Porsche, RWE Energie, Telekom, Thyssen u.a.m. Bald nachdem das Institut seine Arbeit aufgenommen hatte, zeigte sich ein immenser Bedarf an öffentlicher Vermittlung der Erkenntnisse in Form von Vorträgen, Artikeln und Büchern, in denen vor allem programmatische Aussagen und die Zukunftsvisionen des Instituts der Öffentlichkeit vorgestellt wurden.
Große Resonanz fand Friedrich Schmidt-Bleeks Konzept der "Materialintensität pro Serviceeinheit (MIPS)" und die Bestimmung der "Ökologischen Rucksäcke", welche Waren und Dienstleistungen tragen, wenn sie beim Konsumenten ankommen. Folgerichtig fragte der Titel seines 1994 erschienenen Buches: "Wieviel Umwelt braucht der Mensch?" und leistete damit einen wesentlichen Beitrag zur Popularität der Themen Stoffströme & Ressourceneffizienz in Wissenschaft und Politik, die bis heute anhält.
Anforderungen an technische sowie gesellschaftliche Lösungen für eine nachhaltige "Mobilität für morgen" formulierten 1995 Rudolf Petersen und Karl Otto Schallaböck.
In der Folge des Erdgipfels in Rio de Janeiro stand in vielen Nationen die Frage der Umsetzung der beschlossenen Agenda 21 auf der (umwelt-)politischen Tagesordnung. Die ersten Ansätze waren sehr zaghaft und von der Unerfahrenheit in der Anwendung des neuen Leitbildes der "Nachhaltigen Entwicklung" geprägt. Der 1995 herausgekommene Bericht "Zukunftsfähiges Deutschland" wollte hier Abhilfe schaffen: In dieser von BUND und MISEREOR in Auftrag gegebenen Studie betrat das Team am Wuppertal Institut unter der Leitung von Reinhard Loske und Raimund Bleischwitz methodisches Neuland. Ausgehend von einer Abschätzung der Tragekapazität der Erde, des "Umweltraumes", entwickelte diese Studie Leitbilder, nach welchen eine Übernutzung des uns Deutschen "zustehenden" Umweltraumes vermieden werden kann. Diese stützten sich auf "Effizienz" und "Suffizienz".

Der Grundpfeiler Effizienz spielt die entscheidende Rolle im Buch "Faktor Vier. Doppelter Wohlstand - halbierter Naturverbrauch" von Ernst Ulrich von Weizsäcker, Amory und Hunter Lovins (Rocky Mountain Institute, USA). Sie trugen fünfzig Beispiele für komfortable Produkte mit halbiertem Naturverbrauch zusammen wie Hyperauto, Passivhaus, Superfenster, langlebige Möbel oder ein Sommerurlaub in den österreichischen Alpen. Das Buch wurde als "Bericht an den Club of Rome" akzeptiert und blieb mehrere Monate auf den Bestsellerlisten. Es ist inzwischen in mehr als zehn Sprachen übersetzt worden.
Dass gute Beispiele notwendig sind, um die Machbarkeit von Konzepten zu demonstrieren und neue Ideen zu generieren war auch Grundlage für die Ausschreibung des "Wuppertaler Energie- und Umweltpreises". Erstmals 1996 vom Ehepaar Schuler gestiftet, wird der Preis alle zwei Jahre von einem großen Unterstützerkreis ausgeschrieben und vom Wuppertal Institut betreut. Zahlreiche Ideen von Tüftlern und Pionieren für ressourcenschonende Produkte und Dienstleitungen fanden so ihren Weg in die Öffentlichkeit, und das Preisgeld half die Markteinführung zu beschleunigen.
Wissenschaftliche Konzepte in eine politisch und wirtschaftlich handhabbare Form und Sprache zu bringen ist seit der Gründung ein zentrales Anliegen der Institutsarbeit. Hennicke et. al. brachten es 1995 in der Diskussion um die Kosten von Energiesparmaßnahmen auf den Punkt: Das Einsparkraftwerk ist konkurrenzfähig! D. h. für Energieanbieter und vor allem für ihre Kunden kann es lohnender sein in Energiesparmaßnahmen zu investieren als in einen Kraftwerksneubau.
"In der Ökonomie gehört das Niederreißen von Grenzen - die Globalisierung der Märkte - zu den Grundannahmen der Wettbewerbstheorie. Die Umwelt, die nicht nach dem Maßstab der ökonomischen Leistungsfähigkeit antreten kann, läuft Gefahr, unter die Räder zu kommen. Ethnische, sprachliche und kulturelle Vielfalt droht verloren zu gehen." Mit diesen Worten wurde vom Wuppertal Institut Ende 1996 zum Jahreskongress "Grenzen-los?" des Wissenschaftszentrums geladen. Die Globalisierung wurde als Triebfeder vieler nicht-nachhaltiger Entwicklungen identifiziert. Hierdurch wurde auch die wachsende Internationalität der Arbeit des Wuppertal Instituts zum Ausdruck gebracht. Ebenso wie "Nachhaltige Entwicklung" ein globales Thema ist wurde die Forschung des Instituts immer internationaler.
Der Globalität der Probleme wurde in der Klimapolitik durch die Verabschiedung des Kyoto-Protokolls von 1997 zumindest in Ansätzen Rechnung getragen, auch wenn die Ratifizierung erst viele Jahre später erfolgte. In diesem völkerrechtlichen Vertrag wurden zum ersten Mal mengenmäßige Begrenzungen der Treibhausgasemissionen festgeschrieben. Dieser Meilenstein in der internationalen Klimadebatte wurde durch die Abteilung "Klimapolitik" des Wuppertal Instituts intensiv begleitet. Damals noch unter der Leitung von Edda Müller wurde bereits in vielen Projekten an der Entwicklung von Instrumenten des Klimaschutzes gearbeitet. Der spätere Direktor Hermann E. Ott entwarf angesichts der US-amerikanischen Weigerung zur Ratifizierung in seinem Buch zum Kyoto-Protokoll Grundzüge einer europäischen Vorreiterrolle im Klimaschutz, die sich heute auch tatsächlich beobachten lässt.

Viele Analysen des Instituts zeigten, dass dem Verkehrssektor eine qualitativ und quantitativ hervorgehobene Stellung im Nachhaltigkeitsdiskurs zukommen muss. Das ungebremste weltweite Wachstum der Pkw-Flotten, der Lkw-Transporte, und vor allem auch des Luftverkehrs, droht alle Effizienzsteigerungen und Erfolge auf anderen Sektoren zu überkompensieren und macht deutlich, dass wir global von einer nachhaltigen Mobilität noch weit entfernt sind. Denn dazu gehören neben effizienterer Technik vor allem die Vermeidung oder Verlagerung von umweltbelastenden Verkehren. Doch auch die Realisierung fahrzeugtechnisch mögliche Verbesserungen des Energieverbrauches und der Schadstoffemissionen erfordert politisches Handeln, andererseits wurden die alternativen Antriebe, Kraftstoffe und Materialien von Akteuren kontrovers bewertet. 1998 trafen sich Manager und Entwickler aus der Automobilindustrie, Vertreter aus Politik und von Umweltverbänden am Wuppertal Institut, um die Hemmnisse und Chancen bei der Produktion sparsamer Autos zu diskutieren. Auf der Basis dieser Veranstaltung sowie weiterer Auswertungen entstand das Buch "Das Drei-Liter-Auto" von Rudolf Petersen und Harald Diaz-Bone.
Aber nicht nur die Technik entwickelte sich weiter, sondern auch das Spektrum der Umwelt- und Nachhaltigkeitsforschung. Während in den ersten Jahren viel an Leitbildern, Konzepten und Instrumenten gearbeitet wurde, gewann die Frage der Vermittlung dieser Inhalte zunehmend an Bedeutung. So haben das schon erwähnte MIPS-Konzept von Schmidt-Bleek und die Idee der Dematerialisierung Eingang in das von der Bundesstiftung Umwelt geförderte Projekt MIPS für KIDS (1998/1999) gefunden. Hier wurde der Naturverbrauch bei Herstellung und Gebrauch von Produkten für Kinder verschiedener Altersgruppen pädagogisch aufbereitet und spielerisch erfahrbar gemacht. Der Aspekt "Bildung für Nachhaltigkeit" bekam damit einen festen Platz in der Arbeit des Instituts wie bei dem Aufbau von Lernpartnerschaften von Schulen und Unternehmen im Projekt KURS 21 oder im Bereich der Qualifizierung und beruflichen Weiterbildung.
Dieser zunehmende Akteursbezug in der Nachhaltigkeitsforschung manifestierte sich beim Wuppertal Institut auch in der Wissenschaftsorganisation. So wurde zum 1. Januar 2000 die Arbeitsgruppe "Ökoeffizienz & Zukunftsfähige Unternehmen" unter der Leitung von Christa Liedtke gegründet. Fortan hatte die ökonomische, ökologische und sozialverträgliche Entwicklung von Branchen, Unternehmen und Produktlinien ihren festen Platz auf der Forschungsagenda des Instituts. Bei den Projekten der Arbeitsgruppe wurde großer Wert auf die enge Verzahnung mit der betrieblichen Praxis gelegt. Von besonderem Interesse ist dabei der Mittelstand, der für Innovation und Beschäftigung sorgt, dem aber für ein erfolgreiches Nachhaltigkeitsmanagement häufig die personellen Ressourcen fehlen.
Nachhaltiges Wirtschaften bedeutet, alle ökonomischen und ökologischen Kosten offen zu legen: den Geldschleier wegzuziehen, der uns allzu oft den Blick vernebelt. Das Wachstum unserer Wirtschaft wird sich auf lange Sicht nur fortsetzen, wenn wir die Bedeutung der Natur für unsere Lebensqualität einzuschätzen lernen. Peter Bartelmus, ein führender internationaler Vertreter der ökonomisch-quantitativen Nachhaltigkeitsanalyse übernahm 1999 die Leitung der Abteilung Stoffströme und Strukturwandel. Mit seinem Buch "Wohlstand entschleiern" stellt er Konzepte vor, die die Nachhaltigkeit von Wachstum und Entwicklung sichern sollen und ökologische, soziale, wirtschaftliche sowie politische Faktoren einbezieht.

Seit dem 16. Juni 2000 hat sich die energiepolitische Situation in Deutschland radikal verändert: der Ausstieg aus der Kernenergie wurde beschlossen. Doch auch ein weiterer Anstieg des Energieverbrauchs und ein unverändert hoher Einsatz fossiler Energie haben schwerwiegende Folgen. Welche Rolle Erneuerbare Energien in der Zukunft spielen können und müssen und wie mit ihnen im Zusammenspiel mit mehr Energieeffizienz eine energiepolitische Wende zu schaffen ist, wurde vom Wuppertal Institut in umfangreichen Szenarien entwickelt. Diese fanden unmittelbaren Eingang in die energiepolitische Gestaltung und unterstreichen so, dass Politikberatung - national wie international - nach wie vor eine der wesentlichen Aufgaben des Instituts ist.
Sichtbarer Ausdruck der internationalen Anerkennung für diese Arbeit war, dass von Weizsäcker und Schmidt-Bleek für ihre Konzepte "Faktor Vier", "MIPS" und "ökologischer Rucksack" im Jahre 2001 den mit 100 Mio. Yen dotierten Preis der "Takeda Foundation" in Tokio zuerkannt bekamen.
Im April 2001 war die Veranstaltung "10 Jahre Wuppertal Institut - Aufbruch in das Jahrhundert der Umwelt" zugleich Anlass, sich von Ernst Ulrich von Weizsäcker, dem Gründungspräsidenten des Instituts zu verabschieden. Als Mitglied des Bundestages hatte er im November 2000 sein Amt als Präsident des Wuppertal Instituts niedergelegt und die Amtsgeschäfte an den damaligen Vizepräsidenten Peter Hennicke übergeben. Zunächst als amtierender Präsident, später als Präsident und wissenschaftlicher Geschäftsführer leitete Peter Hennicke die Geschicke des Instituts bis Ende Januar 2008.
"Nachhaltigkeit - ein neues Geschäftsfeld?" fragte Ende 2001 der vom Wuppertal Institut ausgerichtete Jahreskongress des Wissenschaftszentrums NRW. "Naturschranken", so die These, begrenzten Risikomärkte und eröffneten gleichzeitig Perspektiven für naturverträgliche Prozesse und Produkte. Ihr allmähliches Wirksamwerden mache trotz oder wegen der ökonomischen Globalisierung das neue Jahrhundert zum "Zeitalter der Umwelt". Die erkannten Umweltrisiken von morgen seien Ausgangspunkt für die Risikovermeidungsstrategien, Innovationen und Geschäftsfelder von heute.

Zehn Jahre nach der Rio-Konferenz wurden auf dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg im September 2002 die internationalen Vereinbarungen zu nachhaltiger Entwicklung mit neuen Zeitzielen und Handlungsprioritäten fortgeschrieben. In seinem "Plan of Implementation" formulierte der Weltgipfel auch ein integriertes Wissenschafts- und Politikverständnis. Mit der Neukonzipierung des Wuppertaler Forschungsprogramms 2003 wurde dies methodisch und inhaltlich unter dem Stichwort "Sustainability Research" in der Forschungsagenda des Wuppertal Instituts umgesetzt. Damit orientierte man sich am integrierten Wissenschafts- und Politikverständnis des Weltgipfels.
Ein weiterer wichtiger Anstoß dazu waren die Ergebnisse einer Evaluierung des Wissenschaftszentrums NRW, mit der die Landesregierung den Wissenschaftsrat beauftragt hatte. Die Ergebnisse der Evaluierung von 2001 wurden im Mai 2002 der Öffentlichkeit vorgestellt; dabei wurde empfohlen, die weitere Förderung des Wuppertal Instituts von einer Neukonzipierung abhängig zu machen. Dies löste eine Diskussion um die Gewichtung von praxisorientierter Beratung sowie Umsetzung von Maßnahmen gemäß dem Gründungsauftrag einerseits und von vertiefter wissenschaftlicher Arbeit andererseits aus. An dessen Ende stand ein erfolgreicher Neukonzipierungsprozess, der 2002/2003 in kaum mehr als einem Jahr entwickelt und umgesetzt werden konnte. Die damals geänderte Forschungsstruktur und das Forschungsprofil haben sich in der Praxis bewährt (vgl. Organigramm).
Um die "Drehscheibe Berlin" im Kontext des erweiterten Europa besser nutzen zu können, um den Kontakt zu den Auftraggebern intensiver zu gestalten und um an den lebhaften Diskursen in der Hauptstadt teilzunehmen, hat das Wuppertal Institut im Mai ein Büro in Berlin unter der Leitung von Hermann E. Ott eröffnet.
Nahezu jede menschliche Tätigkeit ist mit Materialeinsatz verbunden, für den Rohstoffe eingesetzt werden. Abbau, Umwandlung und ihr gesamter Lebensweg gehen mit beträchtlichen Umweltbelastungen einher. Der nachhaltige Umgang mit Ressourcen - Ressourcenmanagement als Aufgabe der Politik - stellt daher eine wichtige Zukunftsaufgabe dar. Mit seinem Buch "Erdlandung - Navigation zu den Ressourcen der Zukunft" lässt Stefan Bringezu seine Leser gedanklich auf dem Planeten Erde neu landen und fragt: Wie viel Verbrauch verträgt der Planet? Wo greift die Menschheit in natürliche Stoffströme ein? Welche zusätzlichen Stoffströme setzt sie in Bewegung und welche Folgen haben diese?
Um eine der wichtigsten Ressourcen und ihre zentrale Rolle geht es in dem Buch "Weltmacht Energie. Herausforderung für Demokratie und Wohlstand". Die Autoren, Peter Hennicke und Michael Müller, warnen darin vor einer Energiepolitik nach dem Motto "Business as usual", was in der immer schneller zusammenwachsenden Welt unfriedlich enden wird, und betonen, dass die Energieversorgung ein öffentliches Gut ist, das dauerhaft allen und gerecht verteilt zur Verfügung stehen muss. Deshalb braucht die Lösung der Energiefrage den gestaltenden Staat, eine engagierte Zivilgesellschaft, kreative Ingenieure, qualifizierte Arbeitnehmer und verantwortungsbewusste Energiemanager, um die drei Zukunftssäulen Energiesparen, Effizienzsteigerung und Erneuerbare Energien aufzubauen.
"Welche Globalisierung ist zukunftsfähig?" - das ist die Leitfrage eines übergreifenden Querprojekts, das seit 2002 das Spannungsverhältnis zwischen dem Aufstieg transnationaler Ökonomie und den Zielen der Umweltverträglichkeit sowie der Gerechtigkeit untersucht. Konkret sind u. a. zukunftsfähige Energie- und Verkehrslösungen für sog. Entwicklungsländer vor dem Hintergrund der Trends in den Wohlstandsländern behandelt worden. Herausgekommen ist ein Buch, in dem zehn Autoren unter der Leitung von Wolfgang Sachs und Tilman Santarius die Forschungs- und Diskussionsergebnisse des Globalisierungsprojekts unter dem Leitfaden Umwelt zusammenführen: "Fair Future. Begrenzte Ressourcen und globale Gerechtigkeit".
Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) und das Wuppertal Institut haben am 1. August 2005 das "UNEP/Wuppertal Institute Collaborating Centre on Sustainable Consumption and Production" (CSCP) als Mitglied in der internationalen Gemeinschaft der weltweit kooperierenden UNEP Centres gegründet. Seine Aufgabe ist es, lösungsorientierte Beiträge zu dem 10-Jahres-Programm für "Sustainable Consumption and Production" zu leisten, das auf dem Johannesburg-Gipfel für Nachhaltige Entwicklung im Jahre 2002 verabschiedet wurde.
Ziele zu setzen ist das eine, sie mit geeigneten Schritten zu erreichen, die Herausforderung. Wissenschaftliche Beratung heißt für das Wuppertal Institut verstärkt, Vorschläge für Politik und Unternehmen aus einer systemischen und langfristig gedachten Sicht zu entwickeln. Dahinter steht, den Transfer in eine Solarwirtschaft zu gestalten. Im Januar 2008 tritt Peter Hennicke als Präsident des Wuppertal Instituts den Ruhestand an, als engagierter Wissenschaftler in Sachen Energie- und Ressourceneffizienz forscht er jedoch unermüdlich weiter. Manfred Fischedick, Leiter der Forschungsgruppe "Zukünftige Energie- und Mobilitätsstrukturen" und Vizepräsident, übernimmt die Amtsgeschäfte für mehr als zwei Jahre, bis der intensive Suchprozess um einen neuen Präsidenten erfolgreich abgeschlossen werden kann.

Für 2008 planten BUND, Evangelischer Entwicklungsdienst (EED) und "Brot für die Welt" eine Kommunikationskampagne, um die gesellschaftliche Debatte über eine global nachhaltige Entwicklung voranzubringen. Um die gründliche Vorbereitung einer solchen Initiative zu gewährleisten, wird das Wuppertal Institut beauftragt, ein Buchprojekt zu entwickeln, das ähnlich zusammenfassend und orientierend wirken sollte wie die mehr als zehn Jahre zuvor erstellte Studie "Zukunftsfähiges Deutschland". Die neue Studie "Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt" erscheint im Herbst 2008, erstellt von 30 Autor(inn)en unter der Leitung von Wolfgang Sachs. Sie reicht weit über eine Bilanzierung der Problemlagen Umwelt, Globalisierung und Gerechtigkeit hinaus, sondern nutzt aktuelle quantitative Befunde und weitergehende qualitative Analysen, um in einen Nachhaltigkeitsdiskurs mit der Gesellschaft zu treten. Dies gelingt in zahlreichen Diskussions- und Vortragsveranstaltungen, Workshops und Seminaren im ganzen Land. Auch Bundespräsident Horst Köhler greift die Forderung der Studie nach einem Kurswechsel und Zivilisationswandel auf. Dieser sei, so Köhler, zusammen mit einer neuen industriellen Revolution nötig, um den unerlässlichen Weg von fossilen Energieträgern hin zu erneuerbaren Energien und hin zu einer massiven Verbesserung der Energie- und Ressourcenproduktivität zu beschreiten.
Vom "Wissen zum Handeln" sollen auch sechs didaktische Module führen, die am Wuppertal Institut unter der Leitung von Christa Liedtke und Jola Welfens entwickelt und vom VisLab des Wuppertal Instituts gestaltet wurden, um in der Erwachsenenbildung und in der Oberstufe eingesetzt zu werden. Sie behandeln die Großthemen der Nachhaltigkeit im Kontext der Initiative "Mut zur Nachhaltigkeit", die einen breiten öffentlichen Diskurs fördern und die Verantwortungsbereitschaft für eine zukunftsfähige Gestaltung von Gesellschaft und Wirtschaft stärken will. Das Vorhaben zur Didaktisierung der Nachhaltigkeitsthemen wurde als Projekt der UN-Dekade für Bildung und Nachhaltigkeit 2007/2008 ausgezeichnet.
Die Entnahme und Nutzung von Ressourcen sowie die damit verbundenen Emissionen und auch die Entsorgung von Abfällen werden zunehmend im politischen Raum wahrgenommen. Vor diesem Hintergrund beauftragen 2007 das Bundesumweltministerium und das Umweltbundesamt 31 Projektpartner unter Leitung des Wuppertal Instituts mit dem Forschungsprojekt "Materialeffizienz und Ressourcenschonung" (MaRess). Im gleichen Jahr tagt in Budapest erstmals das neu vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) eingerichtete "International Panel for Sustainable Resource Management". Zwanzig internationale Expertinnen und Experten wurden ausgewählt, um in wissenschaftlich unabhängiger Weise das weltweite Wissen über die Umweltauswirkungen der Nutzung erneuerbarer und nicht erneuerbarer Ressourcen zu bündeln. Zu ihnen gehört Stefan Bringezu, Ernst Ulrich von Weizsäcker wird Vorsitzender des Gremiums.
Seit seiner Gründung arbeitet das Wuppertal Institut an Visionen für eine nachhaltige und CO2-arme Gesellschaft. Auf dieser Zielvorgabe, den Treibhausgasausstoß in Deutschland um 80 Prozent bis 2050 zu senken, begründet, hat das Wuppertal Institut verschiedene Langfrist-Szenarien für das deutsche Energiesystem entwickelt. Sie dienen unter anderem als Grundlage für die Langfrist-Energiestudie der Bundesregierung. Aber auch die Klimaschutzpolitik von Kommunen sollte sich strategisch am langfristigen Ziel der kohlenstoffarmen Gesellschaft orientieren. Wie dies aussehen kann, wird in einer Studie im Auftrag der Siemens AG für München gezeigt.

Das Jahr 2009 klingt aus mit einer tiefen Enttäuschung über die weitgehende Ergebnislosigkeit der Verhandlungen auf der Klimakonferenz in Kopenhagen. Hier sollte ein neues Weltklimaabkommen verabschiedet werden mit rechtlich verbindlichen Treibhausgas-Obergrenzen für Industrieländer und gleichermaßen ambitionierte Reduktionsmaßnahmen für Entwicklungs- und Schwellenländer sowie finanzielle und technologische Hilfen der Industrieländer für die südlichen Länder. Viele sehen damit vorerst das Ende gemeinsamer Klimaschutzbemühungen. Es gelingt nicht, globale Verantwortung über nationale Interessen zu stellen. Doch zeichnet sich immer mehr ab, dass in der internationalen Weltgemeinschaft diejenigen die Nase vorn haben werden, die ihre Wirtschaft und Gesellschaft früh genug klimaschonend und ressourcenleicht gestalten. Produktions- und Konsummuster, die zu Lasten der Umwelt gehen und knappe Ressourcen verschleudern, werden der Vergangenheit angehören (müssen). Dies nicht nur aus Klimaschutzgründen, sondern auch, weil sie in Zeiten steigender Rohstoffpreise im globalen Wettbewerb zunehmend unter Druck geraten. Wer heute die Weichen auf eine effiziente und CO2-arme Energienutzung und Technologieentwicklung stellt, wer intelligente Infrastrukturen dafür bereitstellt, wer nachhaltige Produkte, Verfahren und Dienstleistungen schafft, wird nicht nur dazu beitragen, die Klimakrise zu bewältigen sondern auch andere Zukunftsfragen besser meistern können. Das Tempo des Klimawandels diktiert die Spanne, die bleibt, um sich auf eine solare und ressourcenleichte Wirtschaftsweise umzustellen ohne strukturelle Verwerfungen in Kauf nehmen zu müssen.
Es ist Aufgabe und Verantwortung von Wissenschaft, diesem Transformationsprozess den Weg zu ebnen und die Akteure in Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft bei seiner Gestaltung beratend und begleitend zur Seite zu stehen. Uwe Schneidewind, ehemaliger Rektor der Universität Oldenburg, begründet und fordert eine in diesem Sinne nachhaltige Wissenschaftspolitik. Er wird im März 2010 Präsident des Wuppertal Instituts.
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Eröffnungskonferenz des Wuppertal Instituts am 19./20. September 1991 unter dem Thema "Klima und Strukturwandel". Prof. Ernst U. von Weizsäcker legte seine Vision von 1990 im Gespräch mit Prof. Siegfried Maser, Rektor der BUGH Wuppertal, Prof. Gert Kaiser, Präsident des Wissenschaftszentrums NRW und Ursula Kraus, Oberbürgermeisterin der Stadt Wuppertal, dar. Die Eröffnungsrede hielt Günther Einert, Minister für Wirtschaft, Mittelstand und Technologie des Landes NRW. Im Herbst 1995 präsentierten Amory Lovins (l.) und Ernst U. von Weizsäcker gemeinsam mit Verlagschef Dr. Karl Blessing ihr Buch "Faktor Vier, Doppelter Wohlstand - halbierter Naturverbrauch". Peter Hennicke demonstrierte 1997 einer Besuchergruppe aus Frankreich die Vorzüge einer Energiesparlampe im Rahmen des Least-Cost-Planning. Auf eine Formel gebracht: Friedrich Schmidt-Bleek erklärt sein MIPS-Konzept. 1996 wurde das Institut durch einen angegliederten, energieeffizienten Büroneubau erweitert. Komplettiert wurde der Neubau durch Photovoltaik-Module auf dem Dach. |