Beitrag in der Broschüre zum zehnjährigen Bestehens des Wuppertal Instituts
1990 war ein Jahr des weltweiten Umbruchs. Große Hoffnungen verbanden sich mit dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums und mit dem Ende des Kalten Krieges. Eines der beliebtesten Wörter jener Zeit hieß "Friedensdividenden". Das war das Geld, welches frei würde, wenn man Grund hatte abzurüsten.
1990 war auch das Jahr, in dem die Vorbereitungen für den Erdgipfel von Rio de Janeiro 1992 in ihre heiße Phase kamen. Die Struktur des Aktionsprogramms von Rio wurde sichtbar, und der Name für das Programm wurde vom in Genf ansässigen Vorbereitungssekretariat festgelegt: "Agenda 21". Man machte eine Abschätzung, wie viel Geld für die ökologische Entwicklung der Dritten Welt benötigt würde. Das Resultat war 600 Milliarden Dollar jährlich. Davon sollten die Entwicklungsländer 500 Milliarden aufbringen, und den Rest von 100 Milliarden Dollar die Industrieländer. Diese hundert Milliarden entsprachen - Zufall oder nicht - gerade den 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukts des Nordens, die seit Jahrzehnten als Zielmarke der Entwicklungshilfe gegolten hatte.
Neben der Agenda 21 sollten zwei große ökologische Konventionen auf den Weg gebracht werden: die Klimarahmenkonvention und die Biodiversitäts-Konvention. Endlich sollte eine Wüstenkonvention und eine Konvention oder wenigstens ein Protokoll zum Schutz der Wälder sowie eine "Erd-Charta" verabschiedet werden. Aus dem Wälderprotokoll wurde nichts und aus der Charta wurde eine bloße Erklärung, die im Wesentlichen die Formelkompromisse des Brundtland-Berichts zur Nachhaltigen Entwicklung wiederholte.
Das Ergebnis von Rio war 1990 noch nicht absehbar. Absehbar war die wachsende Bedeutung des Klimaschutzes. Da hatten der Deutsche Bundestag und der deutsche Umweltminister Klaus Töpfer Beispielhaftes geleistet. Der Bundestag hatte 1987 eine Enquete-Kommission Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre eingerichtet. Die hatte die Dramatik geschildert und politische Weichenstellungen skizziert, vor denen unser Land stehen würde. Und der Bundesumweltminister setzte nach der Wende von 1989 die denkwürdige Formel einer Reduktion der deutschen Treibhausgasemissionen von 25–30 Prozent gegenüber 1990 durch.
Es war die von Bonn ausgehende klimapolitische Aufbruchstimmung, die es dem damaligen NRW-Ministerpräsidenten Johannes Rau und seinem damaligen strategischen Abteilungsleiter Hartmut Krebs plausibel machte, ein ökologisch ausgerichtetes Institut, welches dem im Aufbau befindlichen Verbund des Wissenschaftszentrums Nordrhein-Westfalen hinzugesellt werden sollte, dem Klimaschutz zu widmen.
Klimaschutz heißt Strukturwandel. Das gilt insbesondere für eine Region, die wie keine zweite in Deutschland als Symbol der Schwerindustrie dasteht. Als Kühnheit kann man die Bereitschaft der Landesregierung bezeichnen, mit beträchtlichem Einsatz von Landesmitteln ein großes Institut einzurichten, welches den ökologischen Strukturwandel zum Hauptgegenstand machte.
Das konnte nur gut gehen mit einer Positivvision. Das habe ich bei der Berufung zum Gründungspräsidenten sofort empfunden. Doch wie konnte die Vision aussehen? Drei Stränge boten sich 1990 an:
Erstens: Die Vision "Erdpolitik", die ich 1989 im gleichnamigen Buch entworfen hatte. Sie basierte auf der Behauptung, dass die klassische, schadstoffbezogene Umweltpolitik, die die Industrieländer etwa seit 1970 erfolgreich betrieben hatten, zu einem natürlichen Ende kommen würde (eine damals höchst anstößige Behauptung!). Sie wollte eine Wende in der Energie-, Verkehrs- und Agrarpolitik. Sie wollte auch eine wirtschaftsverträgliche ökologische Steuerreform. Und sie wollte schließlich zu einem zivilisatorisch neuen Wohlstandsmodell hinführen.
Zweitens: Die Vision der "Nachhaltigen Entwicklung", Hauptgegenstand des Brundtland-Berichts.
Drittens: Die Vision der "Öko-Effizienz", die Stephan Schmidheiny und der Business Council for Sustainable Development als Angebot und Beitrag der Industrie zum "Kurswechsel" von Rio de Janeiro formulierte.
Der Klimaschutz tauchte in keiner der drei Visionen prominent auf. Im Brundtland-Bericht und in Schmidheinys Kurswechsel kommt er kaum vor. Und die Erdpolitik ging davon aus, dass der Ausstieg aus der Atomenergie einen ähnlichen Stellenwert hatte wie die Reduktion von CO2-Emissionen.
Auf der Basis der drei Stränge musste sich die Positivvision auf eine hohe Lebensqualität und eine florierende Wirtschaft bei deutlich vermindertem Verbrauch natürlicher Ressourcen beziehen. Hier konnten zwei ganz unterschiedliche Wege ins Auge gefasst werden: die Effizienzstrategie und der Weg in eine Suffizienz-Zivilisation. Wenn nun ein großes Institut gegründet werden sollte, müsste man es sich leisten können, über beide Wege zu forschen.
Die Effizienzstrategie musste der klimapolitischen Motivlage entsprechend mit der Energieeffizienz beginnen. Hier wurde schon bei der Vorarbeit der Enquete-Kommission klar, dass die bis dahin üblicherweise genannten "Einsparpotenziale" fast um eine Größenordnung zu bescheiden angesetzt worden waren. "Energieeinsparung" war und ist auch ein völlig irreführendes Wort für das, worum es geht: das Wort tut so, als solle der moralisch motivierte Verbraucher etwas sparsamer und bescheidener leben, beim Verlassen von Räumen das Licht löschen und das Auto nicht mit laufendem Motor stehen lassen. Dass mit dieser Art Moralappelle keine fünf Prozent an Einsparung herauszuholen wären, leuchtet ein.
Worum es bei der Effizienzstrategie eigentlich gehen musste, war nichts weniger als eine neue technologische Revolution von ähnlichem Ausmaß wie die Industrielle Revolution. In der Industriellen Revolution war die Arbeitsproduktivität im Laufe von etwa 150 Jahren verzwanzigfacht worden. Nun musste es darum gehen, die Energieproduktivität zu verzehnfachen, zunächst einmal aber wenigstens zu vervierfachen.
Dass das physikalisch-technologisch machbar sein müsste, war für mich als Biologen ohne weiteres plausibel. Die phantastischen Effizienzleistungen der natürlichen Biochemie, der Biomechanik, des Nervensystems und der Kaskaden- und Kreislaufnutzung von Energie und Rohstoffen waren evidentermaßen einem Dampfhammer oder einem Just-in-time-Logistikkonzept technologisch haushoch überlegen.
Hinzu kam ein ganz andersartiger Grund, die Dominanz der Arbeitsproduktivitätssteigerungen zu hinterfragen: die Arbeitslosigkeit.
Pioniere wie Amory Lovins und Florentin Krause in den USA und Peter Hennicke in Deutschland hatten überzeugend gezeigt, dass noch riesige Effizienzpotenziale bei der Energienutzung schlummerten.
Ein Pionier ganz anderer Art war Friedrich Schmidt-Bleek. Er "entdeckte", dass sich die Umweltpolitik sträflich wenig um die großen Stoffströme gekümmert hatte. Mit dem Konzept des "Ökologischen Rucksacks" begann er 1990 die Fachwelt zu beunruhigen. Auch er war der Meinung, dass man um eine ganze Größenordnung effizienter im Umgang mit den natürlichen Ressourcen werden müsste.
Schmidt-Bleek und Hennicke wurden zu Abteilungsleitern an dem neu gegründeten Institut berufen und haben demselben seit den frühesten Jahren Glanz und Anerkennung verschafft.
Widerständiger war und ist die Behandlung der Suffizienz-Zivilisation. Die Agenda 21 auf Deutschland abzubilden, war noch niemand gelungen. Misereor und der BUND begannen sich im Kontext von Rio de Janeiro für diese Aufgabe zu interessieren. Und sie entdeckten in dem noch jungen Wuppertal Institut einen erstklassigen Partner für diese Herausforderung. Heraus kam Zukunftsfähiges Deutschland. Dieses Werk wurde alsbald zu einem Wesensmerkmal der "Wuppertal-Vision".
Effizienz und Suffizienz bilden ein Paar. Die Politik tut sich leichter mit der Effizienz. Es ist zu hoffen, dass die zweiten zehn Jahre des Wuppertal Instituts Gelegenheit geben, das vollständige Paar wirklich ernst zu nehmen und wissenschaftlich und politikanalytisch voranzubringen.
|