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FAKTOR VIER - Ethik

Umweltethische Bezüge des FAKTOR VIER -Konzepts
(Text aktualisiert am 27.1.2003)


1. Die FAKTOR VIER-Idee ist zunächst unabhängig von Ethik
FAKTOR VIER ist im Kern ein Konzept aus dem Bereich der Ökonomie: Der menschliche Bedarf nach Gütern und Dienstleistungen soll durch entsprechende Technologien und Verfahren mit einem verminderten Verbrauch von Ressourcen gedeckt werden (erhöhte Ressourceneffizienz).
Dieser Ansatz besteht zunächst unabhängig von ethischen Überlegungen. Dies ist aus der Sicht der praktischen Umsetzung reizvoll, denn Technik und Wirtschaft können dadurch als treibende Kräfte (Marktmechanismen, finanzielle Anreize) effizient wirken, ohne "ideologische" Hemmnisse.

Technologien können - bei entsprechender Schulung der Anwender- in jedem kulturellen Umfeld funktionieren. Für die Maschinen macht es bei ihrer Arbeit keinen Unterschied, was die Anwender denken und welche Motivationen sie bei ihrem Handeln leiten. Wird eine Technologie in eine andere Kultur exportiert, kann sie für diese Kultur zwar zu einem moralisch-ethischen Thema werden (mit entsprechenden Hemmnissen bei der Nutzung der Technologie). Aber auf Seiten der exportierenden Kultur, von der die Initiative ausgeht, ist keine bestimmte moralisch-ethische Disposition notwendig. Noch nicht einmal eine ausdrücklich umweltfreundliche Disposition ist notwendig. Denn ein zentrales Argument des FAKTOR-VIER-Konzepts ist der wirtschaftliche Gewinn, der sich durch Ressourceneinsparung erzielen lässt. Und dieser kann als ein ebenfalls ZUNÄCHST ethisch neutrales Ziel angesehen werden.


2. Doch die Umsetzung von FAKTOR VIER erfolgt nicht in einem ethikfreien Raum
Ressourceneffizienz ist zwar kein ethischer Wert an sich. Sie ist, wie beschrieben, von ihrem Charakter her primär ein ökonomisch-technisches und damit ethisch neutrales Ziel, das allerdings um eines anderen, übergeordneten Ziels willen angestrebt wird. Für eine ethisch angemessene Umsetzung des Konzepts FAKTOR VIER müssen daher die Mittel-Zweck-Beziehungen dieser Umsetzung reflektiert werden. Eine ethische Bewertung von FAKTOR-VIER-Technologien ergibt sich erst aus der ethischen Bewertung der Ziele, zu deren Erreichung sie eingesetzt werden sollen.

Im Rahmen des FAKTOR-VIER-Konzeptes ist Ressourceneffizienz ein Mittel zur Erreichung des folgenden Zwecks: Im Einklang mit den Möglichkeiten der Natur soll die Möglichkeit menschlichen Lebens auf der Erde erhalten und stabilisiert werden. Doch wird dem Menschen durch die Ressourceneinsparung, soweit sie Ergebnis der Anwendung von Technologien ist, keine bestimmte Lebensweise vorgegeben. So könnten eingesparte Geld- und Sachmittel genauso für weitere ökologisch-soziale Verbesserungen eingesetzt werden wie für beliebige kriminelle Zwecke. Daher ist es aus ethischer Sicht notwendig, sich über die Nutzung der neuen Möglichkeiten, die mit den eingesparten Ressourcen zur Verfügung stehen, Rechenschaft abzulegen. Aus ETHISCHER Sicht ist die Idee FAKTOR VIER also ergänzungsbedürftig.

Auch bei der Umsetzung der FAKTOR-VIER-Idee gibt es Spielraum für Ergänzungen: Ressourceneinsparungen können nicht nur durch technische Maßnahmen, sondern auch durch Verhaltensänderungen erzielt werden. Diese müssen sich nicht in bloßem Verzicht erschöpfen, sondern können im Gegenteil durch den Entwurf alternativer Lebensstile sogar zur Quelle neuer Lebensqualität werden. Aspekte dieser Lebensqualität sind z.B. bewusster Genuss, intensivere Auseinandersetzung mit der lokalen und globalen Umwelt, Sensibilisierung für ökologische und soziale Zusammenhänge sowie körperlich-seelische Gesundheit durch Bewegung in der Natur.

Bemerkenswert sind zum Beispiel auch die Parallelen, die zwischen Verhaltensmaßnahmen zur Ressourcenschonung und den Maßnahmen bestehen, die Mediziner zur Verbesserung der allgemeinen Gesundheit fordern:

(1.) Ernährung: "Mehr Obst und Gemüse, weniger Fleisch und tierische Fette" entspricht in der Ernährung dem, was aus Sicht des Ressourcenverbrauchs gefordert wird: denn Fleisch verbraucht bei seiner Erzeugung ein Vielfaches der Energie, die es selbst zur Verfügung stellt. Man ernährt sich also um ein Vielfaches ressourceneffizienter, wenn man die pflanzlichen Rohstoffe selber verzehrt, anstatt sie an Tiere zu verfüttern. Und Vollwertkost, also besonders wenig verarbeitete Nahrungsmittel (in deren Produktion und Verarbeitung entsprechend weniger Energie und Rohstoffe eingegangen ist), gilt als besonders gesund.

(2.) Bewegung: Es wird auf den allgemeinen Bewegungsmangel hingewiesen, der durch unsere moderne Lebensweise entsteht. Wenn man kürzere Strecken, wie aus ökologischer Sicht ratsam, zu Fuß oder mit dem Rad zurücklegt, tut man gleichzeitig seinem Körper etwas Gutes.
Selbst wenn man sich also aus Sicht des Ressourcenmanagement mit rein technischen Maßnahmen (FAKTOR-VIER-Technologien) begnügen könnte, würde man durch eine technikzentrierte Verengung der Perspektive auf große Potentiale zur Steigerung menschlicher Lebensqualität verzichten.


3. Gemehrter Wohlstand, als Ziel der Ressourceneffizienz, lässt sich mit ökonomischen Begriffen allein nicht angemessen definieren
Im Untertitel des Buchs "Faktor Vier. Doppelter Wohlstand - halbierter Naturverbrauch" (Ernst Ulrich. v. Weizsäcker, Amory Lovins und L. Hunter Lovins, Droemersche Verlagsanstalt Th.Knaur Nachf., München 1995, 1996) wird auf die ökonomischen Potentiale der Ressourceneffizienz abgehoben. Auf eine griffige Formel vereinfacht wird damit ausgesagt, dass Ressourcennutzung und ökonomische Situation sowohl auf globaler als auch auf lokaler Ebene in einer errechenbaren Beziehung zueinander stehen. Gleichzeitig ist darin das Versprechen enthalten, dass Ressourcenschonung nicht mit einer Minderung der Lebensqualität einhergehen muss, sondern letztere sogar gesteigert werden kann, ohne weitere Schäden an der Natur zu verursachen.

Diese Doppelaussage (1. "Ressourceneffizienz bringt ökonomische Vorteile mit sich" 2. "Ressourceneffizienz führt zu mehr Lebensqualität" - keine wörtlichen Zitate) basiert auf der Verwendung des Begriffs "Wohlstand" sowohl im Sinne wirtschaftlichen Wohlergehens als auch im Sinne von Lebensqualität.

Aus ethischer Sicht stellt sich hier die Frage, in welcher Beziehung wirtschaftliches Wohlergehen und Lebensqualität zueinander stehen:
a. Wirtschaftliches Wohlergehen und Lebensqualität sind nicht identisch, denn Reichtum ist weder notwendige Bedingung noch Garant für ein glückliches Leben: man kennt Bilder offenbar zufriedener und lachender Menschen, die aus der Sicht unserer "zivilisierten" Verhältnisse unter erbärmlichen Bedingungen leben. Und man kennt ebenso Bilder von reichlich mit materiellen Gütern versorgten Menschen, die schwere Krisen bis hin zu Alkohol- und Drogenkonsum und Selbstmord erleben. Die Lebensqualität steigt also nicht direkt proportional zur Menge der verfügbaren Geld- und Sachmittel.

b. Gleichwohl ist ein gewisses Maß an wirtschaftlichem Wohlergehen Voraussetzung für den Genuss von Lebensqualität. Die biologisch definierten körperlichen Bedürfnisse des Menschen müssen ausreichend befriedigt sein (in je nach Kultur und geographischer Lage unterschiedlicher Weise), um Lebensqualität zu empfinden. Wenn diese Voraussetzung aber erfüllt ist, treten viele immaterielle Aspekte der Lebensqualität hinzu, die sich durch eine bloßere Steigerung materiellen Wohlstands nicht berücksichtigen lassen. Genauso entsteht erst durch eine Befriedigung der Grundbedürfnisse Freiraum für ethische Überlegungen: Erst als nicht mehr durch Nahrungserwerb und Suche nach Schutz vor Wetter und natürlichen Feinden alle Zeit und Energie in Anspruch genommen wurden, entstand Freiraum für die Ausbildung einer Kultur einschließlich wissenschaftlicher, philosophischer und damit auch ethischer Überlegungen.

c. Beim Sparen von Ressourcen und bei der Bildung von Wohlstand muss auch die globale Verteilung von Ressourcen und Wohlstand mit einbezogen werden. "Doppelter Wohlstand" gegenüber heute erscheint bestenfalls in Bezug auf den globalen Gesamt-Wohlstand als legitim. Solange Effizienzgewinne in der Region verbleiben, in der sie erwirtschaftet werden (Industrie- vs. Entwicklungsländer), vergrößert sich das bestehende Nord-Süd-Gefälle durch bloße Verdoppelung des jeweiligen Wohlstandes noch weiter

Wenn zusätzlich die Faktor-Vier-Technologien von Industrie- in Entwicklungsländer exportiert werden, vergrößert sich zudem noch die Abhängigkeit der letzteren von den ersteren Ländern.


4. Allerdings liegt im ökonomischen Handeln die Schnittstelle zwischen ethischen Einstellungen des Menschen und den ökologischen Zusammenhängen in der Natur
Die Wirtschaft umfasst alle Maßnahmen zur Deckung des menschlichen Bedarfs nach Gütern. Damit ist alles, was der Mensch tut, um sich mit Gütern zur Befriedigung seiner Bedürfnisse zu versorgen, wirtschaftliches Handeln. Die Güter erhält er einerseits durch direkte Entnahme aus der Natur, andererseits durch Handel mit anderen Menschen. Diese ihrerseits entnehmen die Güter direkt aus der Natur, haben sie von anderen gekauft oder - auf der Basis der Natur entnommener Rohstoffe - selbst hergestellt. Am Anfang allen materialbezogenen Wirtschaftens steht also die Entstehung der Rohstoffe in der Natur und die Entnahme dieser Materialien durch den Menschen.

Diese Entnahme aus der Natur kann nur in begrenztem Umfang erfolgen, ohne dass die Ökosysteme, welche die Stoffe hervorgebracht haben, geschädigt werden. Mit einem Vergleich aus der Finanzwelt beschreibt F. J. Radermacher, wir könnten nachhaltig nur von den Zinsen leben, müssten aber das Kapital selbst unangetastet lassen (F.J. Radermacher: Balance or Destruction: Ein Plädoyer für eine weltweite öko-soziale Marktwirtschaft. Beitrag zur Konferenz "Nachhaltigkeit als Geschäftsfeld - Natur, Macht, Märkte", Wuppertal 2001). Wenn das Kapital verringert wird, verringern sich auch die Zinsen, verringern sich also die Ressourcen, die wir für unsere Lebensvollzüge brauchen.

Der auf materieller Ebene begrenzende Faktor für ein dauerhaftes Leben von Menschen auf der Erde ist also die Menge an Stoffen, die der Natur entnommen werden kann, ohne dass die das menschliche Leben erhaltenden Prozesse in der Natur zum erliegen kommen. Dass es erstrebenswert ist, menschliches Leben auf der Erde zu erhalten, wird an dieser Stelle stillschweigend vorausgesetzt. Denn diese Annahme ist Mitvoraussetzung für alle Überlegungen im Zusammenhang mit einer zukunftsorientierten Umweltethik. Dies ist darüber hinaus eine Frage, die jenseits der Positionen Anthropozentrismus (Vorrang für menschliche Interessen) oder Bio- bzw. Physiozentrismus (Vorrang für Belange des Lebens bzw. der Natur) liegt. Wollte man die Existenzberechtigung des Menschen in Frage stellen, so würde damit auch jede Bemühung um Ethik obsolet. Ethik, wie sie hier verstanden wird, hat nur dann ihren Sinn, wenn der Erhalt menschlichen Lebens auf der Erde als erstrebenswertes Ziel angesehen wird.

Wenn aber der Erhalt menschlichen Lebens auf der Erde als verpflichtendes Ziel des Handelns akzeptiert wird, wird es ebenfalls zur Pflicht, den Ressourcenverbrauch im Rahmen der Mengen zu halten, die der Natur ohne Gefahr für den Lebenserhalt entnommen werden können. Die Menge "erlaubten" Verbrauchs lässt sich zwar - wie oben geschehen - in Worten definieren, eine zahlenmäßige Bestimmung dürfte aber nur in Schätzungen möglich sein. Es dürfte gefährlich sein, sich an solche festen Mengengrenzen heranzutasten, diese gar auszureizen. Denn Unsicherheiten bei der Festlegung könnten die Folge haben, dass man die tatsächliche Grenze der Lebensverträglichkeit schon längst überschritten hat, während die angenommenen Grenzwerte des Ressourcenverbrauchs noch sauber und ordentlich eingehalten werden.

Außer der generellen Schwierigkeit bei der Bestimmung solcher Verbrauchsgrenzen ist von Bedeutung, dass es regionale Unterschiede bei der Belastung der Natur geben dürfte. Ein weltweiter Grenzwert x für den umweltverträglichen Pro-Kopf-Verbrauch eines bestimmten Stoffes müsste in überdurchschnittlich belasteten Regionen deutlich unterschritten werden, während in Regionen, die bisher weniger durch die Entnahme dieses Stoffes belastet werden, ein größerer Spielraum nach oben besteht. Denn dass ein Stoff in einem Teil der Welt in großen Mengen zur Verfügung steht, heißt nicht, dass er weltweit gleichmäßig verteilt werden sollte. Vielmehr ist eine regional unterschiedliche Anpassung an die natürlich vorhandenen Materialien nötig. Für einen bestimmten Zweck werden in unterschiedlichen Teilen der Welt ja immer schon unterschiedliche Materialien genutzt.


5. Ressourcenverbrauch ist die Variable, an der umweltethisch verantwortliches Handeln ansetzen kann

5.1 Der Umweltpionier findet in der Ökoeffizienz eine Richtschnur für sein Handeln (FAKTOR VIER als Daumenregel)
Um ein bestimmtes Ziel zuverlässig zu formulieren, muss sich menschliches Handeln an möglichst genauen Informationen über die jeweils relevanten Rahmenbedingungen orientieren. Belastungsgrenzen von Ökosystemen dürften, wie schon beschrieben, nur schwer und nur relativ ungenau zu bestimmen sein. Sie ergeben sich aus der hochkomplexen Dynamik der Lebensvollzüge verschiedenster Organismen untereinander und in Wechselwirkung mit ihrer Umwelt. Sie sind daher empirisch und methodisch nur schwierig erfassbar. (Damit unterscheiden sie sich zum Beispiel von Einzelfaktoren wie der Wasserqualität, die nach vorher definierten Kriterien gut messbar und in Gewässergütekarten darstellbar ist.)

Eine bessere Vergleichbarkeit lässt sich auf der Basis des errechneten tatsächlichen Materialverbrauchs erzielen. Denn die Menge verbrauchter Stoffe ergibt sich in nachvollziehbarer Weise aus den Entscheidungen von Menschen. So lassen sich Verbrauchszahlen für Rohstoffe einerseits aus ohnehin vorhandenen Statistiken entnehmen und andererseits auf menschliche Entscheidungen und Handlungen zurückführen. Und wenn man als Ausgangsbasis ein bestimmtes Niveau des Ressourcenverbrauchs festlegt, kann man bei einer Reduzierung des Verbrauchs um den Faktor x mit einer Entlastung der Ökosysteme um denselben Faktor rechnen. Durch (vor allem technische) Maßnahmen, mit deren Hilfe die Effizienz der Ressourcennutzung gesteigert wird, sinkt der Lebensstandard nicht im gleichen Maße um den Faktor x, sondern kann auf demselben Stand gehalten, vielleicht sogar bei aller Naturverträglichkeit noch gesteigert werden.
Effizienzfaktoren als Daumenregeln für technisches und unternehmerisches Handeln eröffnen umweltbewussten Pionieren neue Marktchancen.

5.2 Dafür wird die Natur in ihrer regional unterschiedlichen Ausprägung nicht übergangen, sondern im Gegenteil diese Unterschiedlichkeit zur Basis individueller Problemlösung
Gegen Festlegung von Effizienzfaktoren wurde vorgebracht, dass sich solche Ressourceneffizienz gedanklich zu weit von der Natur entferne (Hukkinen 2001: "Eco-efficiency as abandonment of nature". In: Ecological Economics 38, S. 311-315). Denn es würden nur noch abstrakte Richtwerte von oben herab global durchgesetzt. Und dabei würden sowohl regionale Unterschiede außer Acht gelassen als auch die individuelle Auseinandersetzung mit der Natur auf kognitiver Ebene. Dabei hätten gerade diejenigen Kulturen, die sich intensiv mit ihrer regional unterschiedlichen Umwelt vertraut machten, jahrhundertelang überlebt, während zentralistisch verwaltete, nach abstrakten Zielvorgaben vorgehende Staaten schnell untergegangen seien. Mit diesem historischen Vergleich kritisiert Hukkinen namentlich Institutionen wie die OECD, die Europäische Kommission, die Vereinten Nationen oder die Weltbank.

Doch kann diese Kritik nur technisch-administrative Zielvorgaben, nicht aber den sachlichen Kern der Bemühung um Ressourceneffizienz anfechten. Reduzierung von Rohstoffverbrauch und deren Messung z.B. mit Faktor 4 oder 10, sind nicht notwendigerweise ein Instrument zentralistischen Umweltmanagements. Im Gegenteil müssen die technischen Maßnahmen, die zur Verminderung des Verbrauchs eingesetzt werden, an die jeweiligen regionalen Umweltbedingungen angepasst werden. Ressourceneffizienz entsteht nur durch viele einzelne, größtenteils technische Problemlösungen, so dass zwar die Zielvorgabe eines bestimmten Effizienzfaktors abstrakt sein mag. Eine erfolgreiche Effizienzsteigerung ist aber nur mit den Kenntnissen über Umweltbedingungen erreichbar, die in den einzelnen Technologien und Verfahren umgesetzt werden. Daher führt die planerische Abstraktheit mit Faktor 4 oder 10 in der Umsetzung zu um so stärkerer, an den Möglichkeiten der Natur orientierter Konkretisierung.

Der Ausgangspunkt "Ressourcenverbrauch" hat im Vergleich zu einem Ausgangspunkt "ökologische Belastungsgrenzen" den Vorteil, dass Schwierigkeiten bei der Beurteilung natürlicher Gegebenheiten umgangen werden - insofern wendet sich die Zielvorgabe Ressourceneffizienz tatsächlich von der Betrachtung der Natur ab. Um Ressourceneffizienz zu erzielen, sind jedoch Kenntnisse über die Natur und damit deren intensive Betrachtung gleichwohl erforderlich. Allerdings lassen sich die hierbei relevanten Prozesse leichter erfassen als die von komplexen Dynamiken abhängigen Belastungsgrenzen der Natur. Denn bei der Entwicklung solcher ressourcenschonender Technologien und Verfahren geht es ja zumeist um eine begrenzte Anzahl von Stoffen, die verwendet bzw. effizienter genutzt werden sollen. Und der zu betrachtende Bereich ist nicht die Gesamtheit der Natur auf der Erde, sondern das konkrete Umfeld, in dem die Technologie eingesetzt werden soll.


6. Ressourcenverbrauch ist beeinflussbar durch Technologien, die Grundlagen ökonomischen Handelns liegen aber in den Bedürfnissen der Menschen.
Als Grundlage einer umweltethischen Betrachtung lässt sich Ressourcenverbrauch in drei Schritte aufteilen, wobei diese Aufteilung eher analytischer Natur ist und keine Arbeitsteilung zwischen verschiedenen Teilnehmern am Wirtschaftsleben wiedergeben soll. Jeder Teilnehmer - sei es ein einzelner Mensch oder z.B. auch ein Unternehmen - führt einige der Schritte mal mehr oder mal weniger intensiv durch. Eine umweltethische Betrachtung muss alle drei unterschiedlichen Schritte gleichermaßen beachten, um einen konkreten Fall von Ressourcennutzung bewerten zu können. In einem ersten, planerisch-reflexiven Schritt wird betrachtet, welche Bedürfnisse des Menschen befriedigt werden und auf welche Weise dies geschehen soll. In einem zweiten, ökonomisch-technologischen Schritt werden technische Verfahren und Marktmechanismen genutzt, um die zur Bedürfnisbefriedigung nötigen Materialien aus der Natur zu entnehmen und in einer geeigneten Form dem Verbrauch zuzuführen. In einem dritten, ökologisch-naturwissenschaftlichen Schritt muss analysiert werden, wie sich der Ressourcenverbrauch auf die Natur auswirkt.

Der vorliegende Artikel hat bisher gleichsam das Pferd von hinten aufgezäumt: Unter Verweis auf Belastungsgrenzen der Ökosysteme (dritter Schritt) wurde die technische Möglichkeit einer Effizienzsteigerung beschrieben (zweiter Schritt). Der erste Schritt besteht allerdings darin, zunächst die Bedürfnisse abzuklären, die durch eine Entnahme von Materialien aus der Natur befriedigt werden sollen.

Ulrich Witt (2001, "Learning to consume - A theory of wants and the growth of demand. Journal of Evolutionary Economics 11, p. 23-36) analysiert menschliche Bedürfnisse und ihr Verhältnis zum Ressourcenverbrauch, indem er eine Reihe von Unterscheidungen einführt.
Bei den Bedürfnissen selbst unterscheidet er angeborene, genetisch fixierte Bedürfnisse ("innate wants") und erworbene Bedürfnisse ("acquired wants"), welche letztere durch Lernprozesse - oft durch Verknüpfung mit angeborenen Bedürfnissen (Konditionierung) - zu einem mitentscheidenden Faktor menschlichen Handelns werden.
Bei den Mitteln zur Bedürfnisbefriedigung unterscheidet er "direct inputs" und "indirect inputs". Direkte Inputs sind z.B. Nahrungsmittel, Getränke, Atemluft, Medizin. Es sind jene Güter zur Bedürfnisbefriedigung, die im eigentlichen Sinne verbraucht werden. Bei ihnen tritt mit fortlaufendem Konsum eine Sättigung des Bedürfnisses ein, d.h. fortgesetzter Verbrauch führt nicht zu weiterer Befriedigung über das mit der Sättigung erreicht Maß hinaus. Doch da der Organismus die direkten Inputs im Zuge seiner Aktivitäten verbraucht, tritt bald wieder ein Mangelzustand ein, der zu neuerlichem Konsum des betreffenden Guts motiviert.

Indirekte Inputs sind z.B. Elektro- und Haushaltsgeräte. Bei ihnen ist nicht die materielle Ausstattung selbst die Grundlage der Bedürfnisbefriedigung, sondern die Dienste ("services"), die sie dem Konsumenten erweisen. Am Ende eines Konsumvorgangs ist das zur Bedürfnisbefriedigung herangezogene Mittel ("tool") in der Regel in unversehrter Form vorhanden und zu weiterer Bedürfnisbefriedigung verfügbar. Beispiele wären hier das Bett zur Befriedigung des Schlafbedürfnisses oder der Fernseher zur Befriedigung des Bedürfnisses nach geistiger Anregung.

Die Verknüpfungen zwischen Bedürfnissen und den Mitteln zu ihrer Befriedigung sind keineswegs starr. Ein und dasselbe Bedürfnis kann durch verschiedene Mittel befriedigt werden, und genauso kann dasselbe Mittel gleichzeitig mehrere Bedürfnisse befriedigen. So kann das Gespräch mit Freunden den Geist genauso anregen wie der Abend vor dem Fernseher. Und der Fernseher erfüllt für seinen Besitzer neben dem Nutzen, für den er gebaut wurde, womöglich auch die Funktion eines Statussymbols. Auf solche Effekte, so kann man Witts Ausführungen ergänzen, setzt die Werbung, wenn sie bestimmte Produkte oder Marken oft eher in Anspielung auf immaterielle Bedürfnisse (beim Auto z.B. Freiheit, Lebensfreude, Prestige) bewirbt als mit Bezug zum eigentlichen Nutzen (Fortbewegung).

Während bei angeborenen Bedürfnissen physiologisch bedingte Sättigungsgrenzen bestehen, gibt es solche bei erworbenen Bedürfnissen nicht. Zudem ist zwar bei angeborenen Bedürfnissen die Menge des Verbrauchs physiologisch begrenzt, nicht aber die Anzahl verschiedener Mittel, die zur Bedürfnisbefriedigung genutzt werden. Während es für den Schlaf-, Kleidungs-, Heizungs- und Unterhaltungsbedarf Sättigungsgrenzen gibt, gibt es für die Menge der gekauften Güter (Betten, Kleidung, Heizgeräte, Fernseher) keine. Damit ist der Kauf von Gütern nicht durch natürliche, körperliche Beschaffenheiten begrenzt, sondern kann über die angeborenen Bedürfnisse hinausgehen. Aus Sicht der Hersteller wird eine Steigerung des Verkaufs erreichbar, indem z.B. durch gesteigerte Vielfalt, exotisches Flair und anderen immateriellen Zusatznutzen eine Nachfrage nach Gütern erzeugt wird, die die reine Sättigung übersteigt. Und sei es, dass Nahrungsmittel so erzeugt werden, dass, etwa durch Zuckeraustauschstoffe, die Sättigungsfunktion gemindert wird, so dass mehr konsumiert - oder wiederum aus Sicht des Herstellers - mehr verkauft werden kann.

Witt beschreibt, wie der Mensch gerade durch seine geistigen Fähigkeiten, durch Bildung unterstützt, sein Konsumverhalten immer weiter differenzieren konnte. Mit erweiterten, z.B. auch technischen, Kenntnissen konnten ihm Unterschiede in Ausstattung und Funktionsweise der Geräte nahe gebracht werden, die er für seinen Konsum erwerben wollte (bzw. nach dem Willen der Hersteller erwerben sollte. Verbunden womöglich mit einem gewissen Statusbewusstsein wird die überreiche funktionelle Ausstattung eines Geräts zum Kaufargument, obwohl letztlich nur eine begrenzte Anzahl der Funktionen tatsächlich gebraucht und genutzt werden).

Die geistige Ausstattung des Menschen spielt genauso eine Rolle, wenn zu den angeborenen Bedürfnissen erworbene hinzutreten. Aufbauend auf physiologisch bedingten Bedürfnissen entstehen durch Assoziation und Konditionierung komplexe Bedürfnissysteme. Und da diese größtenteils erworbenen Bedürfnisse nicht starr an einzelne Verbrauchsgüter gekoppelt sind, entstehen immer neue Motivationen für Kauf und Verbrauch. Beispielsweise ist zum Aufrechterhalten der Körpertemperatur in vielen Klimazonen das Tragen von Kleidung notwendig (angeborenes Bedürfnis). Doch über diese "technische" Funktion hinaus ist Kleidung gleichzeitig Schmuck, Statusmerkmal, eine Möglichkeit, sich gegenüber anderen Menschen zu differenzieren oder auch sich ihnen anzugleichen. Kleidung und viele andere Konsumgüter befriedigen somit erworbene Bedürfnisse, die erst durch die geistige und soziale Entwicklung des Menschen und seiner Vorfahren entstehen konnten. Intensivierte Kommunikation bewirkte nicht nur, dass die Befriedigung von Bedürfnissen durch gegenseitigen Erfahrungsaustausch immer ausgefeilter wurde. Sie differenzierte sich je nach Gruppenzugehörigkeit, und Gruppendynamiken führten zu weiterer Verstärkung und Differenzierung der erworbenen Bedürfnisse.

Darauf aufbauend - so kann man Witts Analyse in ökonomisch-ökologische Richtung weiterdenken - ist ein Großteil der Wirtschaftsstruktur moderner Gesellschaften geradezu darauf angewiesen, dass Verbrauchsgüter über den physiologischen Bedarf hinaus konsumiert werden. Eine konsumkritische Umkehr breiter Massen würde, von heute auf morgen eintretend, zum Zusammenbruch der Wirtschaft führen. Dabei leidet z.B. der Einzelhandel schon heute, weit von einer solchen Umkehr entfernt, unter einer geringen Nachfrage, wie sie durch politische und wirtschaftliche Unsicherheiten auf globaler wie auf lokaler oder familiärer Ebene bestehen.

Diesem zur Zeit bestehenden ökonomischen Zwang zu einem die physiologischen Notwendigkeiten übersteigenden Konsum steht gegenüber, dass eben dieser Konsum die Kapazitäten der Natur für die Entnahme von Materialien (Rohstoffe) und Aufnahme von Materialien (Abfälle) überschreiten könnte. Es besteht also die Gefahr, dass die gegenwärtige ökonomisch-organisatorische Grundlage menschlichen Lebens (die Wirtschaftsstruktur) die ökologische Grundlage zerstört.


7. Ressourceneffizienz ist sowohl ein ethisches als auch ein ökonomisch-technisches Erfordernis
Es wäre dabei zu diskutieren, in wie weit der Gegensatz zwischen Ökonomie und Ökologie ein ethisches oder nur ein technisches Problem ist. Ein Problem, das zur Reflexion eigener Verhaltensweisen mahnt oder eines, das lediglich Maßnahmen des Ressourcenmanagements erfordert. Die Ethik betrachtet Probleme aus einer Perspektive, welche die existentielle Bedeutung menschlichen Handelns berührt und die Maßstäbe für dieses Handeln sucht. Ressourcenmanagement dagegen betont die logistischen Fragen der Versorgung der Menschen mit Gütern. Das Verhalten der Menschen wird eher als natürlich gegeben gesehen (ähnlich wie Rohstoffvorkommen) und weniger als ethisch zu hinterfragend und moralisch zu bewertend.

Während ethische Bewertungen immer vor dem Hintergrund eines bestimmten Wertesystems erfolgen, die ihrerseits in historische, kulturelle und geographische Kontexte eingebettet sind, stellt sich die Frage der Ressourcenausstattung global und regional in gleicher Weise. Zwar ist auch Wissenschaft ihrerseits in die genannten Kontexte eingebunden. (Das Umweltproblem ist ein Problem unserer Zeit, obwohl es schon immer, wie Hukkinen schreibt, nichtnachhaltigen Umgang mit Ressourcen gab.) Doch sollte sich das Problem begrenzter Ressourcen als eine weltweit anerkennbare These formulieren lassen, so dass es eine gemeinsame Basis zur Beurteilung der globalen Situation gäbe. Denn diese Ausgangserkenntnis lässt sich sicherlich an vielen Stellen auf der Welt in analoger Form nachvollziehen, weil überall einer oder mehrere Rohstoffe menschliches Handeln begrenzen dürften.

Einerseits ist Ressourcenverbrauch also ethisch relevant, andererseits ist er durch ökonomische und ökologische Größen definierbar. Der Reiz einer Betrachtungsperspektive, die sich auf quantitativ fassbare Größen wie Ressourcenverbrauch beschränkt, liegt in der relativen ethisch-kulturellen Neutralität dieser Bezugsgrößen. Wenngleich ethisch geboten ist, den Ressourcenverbrauch in nachhaltigen Grenzen zu halten, ergeben sich daraus - im Gegensatz zu gesellschaftlichen Normen auf ethischer oder religiöser Basis - noch keine konkreten Verhaltensweisen. Ressourceneffizienz lässt sich also theoretisch in eine Vielzahl verschiedener gesellschaftlicher Entwürfe integrieren.

Zudem ist ein nachhaltiger Umgang mit Ressourcen auch unabhängig von ethischen Überlegungen eine Voraussetzung für die Fortdauer menschlichen Lebens, nicht nur im globalen, sondern auch im regionalen Maßstab. Auch innerhalb der ökologischen Gegebenheiten eines bestimmten Gebiets hängt dessen Tragfähigkeit davon ab, dass Menschen ihre Bedürfnisse mit den nachhaltig verfügbaren Rohstoffen befriedigen (oder auf nachhaltigen Transportwegen aus anderen Gebieten mit entsprechendem Angebot importieren). Also ist auch unter rein ökonomischen Gesichtspunkten effiziente Ressourcennutzung notwendig.


8. Reflektierte Bedürfnisbefriedigung ist die Basis effizienterer Ressourcennutzung
Während Ulrich Witt mit seinen oben wiedergegebenen Ausführungen begründet, warum sich die Nachfrage nach Gütern über physiologische Sättigungsgrenzen hinaus ausdehnen lässt, kann man den Gedankengang im Zusammenhang mit Ressourceneffizienz auch umkehren: Lässt sich Konsum ressourceneffizienter gestalten, indem auf eine passgenauere Verknüpfung zwischen Bedürfnissen und den Mitteln zu ihrer Befriedigung geachtet wird?

Hier ist zunächst zu überlegen, (1) ob man nur allgemein die verbrauchten Mengen von Ressourcen im Verhältnis zu den Mengen, die der Natur auf nachhaltige Weise entnommen werden können, oder (2) ob man auch bestimmtes Konsumverhalten oder den Konsum bestimmter Güter ethisch bewerten möchte. Bei der vorliegenden Fragestellung hält der Verfasser die erste Alternative für gegeben. Die zweite Frage geht über die Fragen nachhaltiger Ressourcennutzung hinaus und berührt individuelle oder gesellschaftliche Wertsysteme. Was dagegen hier für die Ressourcennutzung angestrebt wird, ist eine ethische Analyse, die gegenüber solchen Wertsystemen weitgehend neutral bleibt und sich daher in die verschiedensten kulturellen Kontexte integrieren lässt.

Für eine solche Fragestellung bietet Ulrich Witt ein geeignetes begriffliches Instrumentarium, wenn er zwischen angeborenen und erworbenen Bedürfnissen, direktem und indirektem Input sowie zwischen Bedürfnissen selbst und den Mitteln zu ihrer Befriedigung unterscheidet.

Witt beschreibt, dass sich der Verbrauch von Produkten, und damit auch der Verbrauch natürlicher Ressourcen, über die Grenzen physiologischer Sättigung hinaus steigern lassen: Durch Verknüpfung erworbener (auch neu erzeugter) mit angeborenen Bedürfnissen und durch den gesteigerten Variantenreichtum immer neuer Konsumgüter. Ressourcenverbrauch findet dabei nicht nur im direkten Verzehr etwa von Nahrungsmitteln statt, sondern auch bei der Herstellung von Geräten, die ihrerseits eine Dienstleistung bereitstellen. Hier erfolgt kein vollständiger Verbrauch, sondern das Produkt steht nach einmaligem Konsumvorgang weiterhin zur Verfügung. Anreiz zum Neukauf muss hier also von Seiten der Hersteller ständig neu geschaffen werden, z.B. durch Funktionserweiterungen, wie man sie im Bereich der Computer und der Unterhaltungselektronik beobachten kann, oder durch Sollbruchstellen, die man wohl in der Technik mancher Haushaltsgeräte vermuten darf.

Solche Mechanismen der Marktwirtschaft bewirken eine bewusste Entkopplung des Verbrauchs von Ressourcen von der materiellen Grundlage menschlicher Bedürfnisse, indem der Verbrauch von Materialien über den physiologisch fundierten Bedarf an Materialien hinaus ausgedehnt wird.
Doch hier den Begriff "Luxus" einzuführen und zu kritisieren, ginge über das Anliegen ökologischer Ethik hinaus. Aus ökologisch-ethischer Sicht sind auch objektiv unnötige Produkte nicht verwerflich, sofern ihre Herstellung, Nutzung und Entsorgung die natürlichen Möglichkeiten der Ökosysteme nicht überschreitet. Und nur um dieses Kriterium geht es ja an dieser Stelle.

Witts Thesen zeigen allerdings einen zweiten Ansatzpunkt für Ressourceneffizienz auf - neben der ökologischen Optimierung technischer Prozesse: Ökologisch reflektierter Konsum. Man kann hier beginnen mit einer Unterscheidung zwischen Bedürfnissen, die notwendigerweise mit materiellen Mitteln zu befriedigen sind (darunter viele der angeborenen Bedürfnisse) und auf der anderen Seite Bedürfnissen, für die sich ggf. andere, immaterielle Formen der Bedürfnisbefriedigung finden lassen. Dieser Schritt wäre technischen Bemühungen um Ressourcenschonung vorgelagert, und seine ressourcenschonenden Effekte lassen sich wahrscheinlich nicht so leicht quantitativ bestimmen. Doch kann mit einem Anstieg von Lebensqualität gerechnet werden, wo kompensatorischer Konsum durch bedürfnisadäquaten abgelöst wird, oder wo der Wunsch nach geistiger Anregung durch Begegnung mit interessanten Menschen und nicht allein mit Geräten (Unterhaltungselektronik) oder Substanzen (Genussmittel und Drogen) angestrebt wird.

So wie sich auf kognitiver Ebene, z.B. durch Werbung, vorhandene angeborene Bedürfnisse mit neuen erworbenen Bedürfnissen verknüpfen lassen, so könnte vielleicht eine aufklärerische Anstrengung, eine Anleitung zur Selbstreflexion, bewussteren Umgang mit eigenen Bedürfnissen und mit Konsumgütern bewirken.
Damit wäre dann natürlich doch die Grenze zwischen dem zuvor genannten kleinen ökologisch-ethischen Nenner (Anstreben nachhaltiger Konsummuster) und moralisierender Konsumkritik überschritten. Eine Grenzüberschreitung, die in diesem Artikel nicht primär angestrebt wird. Doch geht es bei dem hier postulierten ökologisch reflektiertem Konsum nicht um Konsumverzicht, der mit weltanschaulichen, religiösen oder gesellschaftlichen Normen begründet wird. Im Gegenteil sollen die vorhandenen Bedürfnisse tatsächlich befriedigt werden. Aber ohne den Einzelnen zu bevormunden wird hier angenommen, dass sich in Folge einer solchen Reflexion die Wahl von Mitteln zur Bedürfnisbefriedigung in Richtung immaterieller Mittel verlagern wird. Auf diese Weise käme schon vor allen technischen Maßnahmen eine effizientere Nutzung von Ressourcen zustande. Kompensatorischer Konsum und Konsum, der an den eigentlichen Bedürfnissen vorbei geht, würde reduziert, und damit auch vermutlich ein Großteil der Entnahme von Ressourcen aus der Natur.


9. Ökonomisch-administrative Konzepte bilden den globalen Rahmen für Ressourceneffizienz und ökologisch-soziale Gerechtigkeit
Es wurde schon beschrieben, in wie hohem Maße wohl die gegenwärtige Wirtschaftsstruktur industrialisierter Länder von ökologisch unreflektiertem Konsum abhängt, so dass die Unvereinbarkeit von Ökologie und Ökonomie leichtes argumentatives Spiel zu haben scheint. Doch ist letzterer Gegensatz nur ein scheinbarer, weil jede menschliche - nicht nur jede ökonomische - Aktivität nur durch Respektierung ökologischer Grenzen auf Fortbestand in der Zukunft hoffen darf. Gleichwohl ist wahrscheinlich die Umgestaltung von Konsummustern nur durch entsprechende Anpassungsmaßnahmen ökonomischer Strukturen aufzufangen.

In diesem Zusammenhang hat F.J. Radermacher einen Entwurf vorgelegt, der Ökoeffizienz im Sinne von Faktor 4/10 mit Ausgleichsmaßnahmen kombiniert. Das Ziel ist dabei, zu mehr Gerechtigkeit zu gelangen. Diese definiert er mit dem Begriff "Equity": dem Verhältnis zwischen dem niedrigsten Einkommen in einer bestimmten Bevölkerungsgruppe (Weltbevölkerung oder nationale Bevölkerungen) und dem Durchschnittseinkommen. Während der weltweite Equity-Faktor bei über 4 liegt (d.h. das globale Durchschnittseinkommen ist viermal so hoch wie das niedrigste), liegt er innerhalb europäischer Länder bei deutlich unter 2. Diese Länder möchte Radermacher auch weltweit zum Vorbild nehmen, denn in der Europäischen Union ist die Marktwirtschaft durch ein Regelwerk begleitet und im Zuge von EU-Erweiterungen werden Entwicklungsprozesse durch Co-Finanzierung unterstützt. Demgegenüber liegt der Equityfaktor in den USA, als weitgehend dereguliertem Markt bei deutlich über 2, wobei Radermacher diesen Wert für einen weltweiten Standard aber vorbildlich fände - angesichts der ungleichen Ausgangssituation nördlicher und südlicher Länder auf der Erde.

Für die Zukunft geht Radermacher einerseits von einem Wunsch der nördlichen Länder nach weiter wachsendem Lebensstandard aus, andererseits wird die Weltbevölkerung noch eine Weile wachsen. Er gesteht daher beiden Hemisphären ökonomisches Wachstum zu, möchte dieses aber durch Ökoeffizienz und sozialen Ausgleich in geordneten Bahnen halten.

Radermacher bringt dies auf die "Zukunftsformel 10:4:34". Zunächst soll ein "doppelter Faktor 10" das Weltbruttosozialprodukt verzehnfachen, bei gleichzeitiger Verzehnfachung der Ökoeffizienz den Ressourcenverbrauch und damit die Umweltbelastung aber auf dem gegenwärtigen Niveau halten. Radermacher kalkuliert mit einem Zeitrahmen von 50 bis 100 Jahren. Für die Länder der Nordhalbkugel strebt er in dieser Zeit eine Vervierfachung des Konsumvolumens an. Die südlichen Länder hingegen sollen ihren Konsum um den Faktor 34 erhöhen dürfen, so dass am Ende zwar der Equityfaktor bei 2 läge, d.h. die reichen Länder wären immer noch doppelt so reich wie die armen. Doch würde einerseits bei dem vorgeschlagenen Modell jegliches Wachstum ohne "Kannibalisierung" zustande kommen, also die ökologische Tragfähigkeit der Erde nicht antasten. Andererseits würde sich das Wachstum in den ärmeren Ländern dergestalt auswirken, dass die Bevölkerungsgröße sinkt und so die Pro-Kopf-Situation sich bei Umsetzung des Programm "deutlich" verbessern würde.

Als Voraussetzung für eine solche Umsetzung beschreibt Radermacher "die Weiterentwicklung und Verknüpfung von Regelwerken in Bereichen wie WTO, ILO, UNEP, UNESCO etc. zu einem kohärentem Global Governance System." Die Marktwirtschaft, die Radermacher in seiner Kritik ausdrücklich befürwortet, soll durch ein weltweites Regelwerk in einen ökologisch und sozial verträglichen Rahmen gebracht werden.

Radermachers Entwurf ist durchaus in dem Sinne abstrakt, wie Hukkinen dies für Entwürfe zur Ressourceneffizienz kritisiert. Es werden theoretische Rechnungen aufgestellt, die sich nicht an beobachtbaren Gegebenheiten in der Natur orientieren und die nicht primär zu einem besseren Umgang mit ihr anleiten. Radermacher geht vielmehr von den Bedingungen der gegenwärtigen Wirtschaftsstruktur aus und möchte diese verändern. Doch spricht er in seinem Aufsatz auch die kulturellen und ethischen Rahmenbedingungen an, unter denen sich ein solcher Wechsel vollzieht: Soziale Spannungen als Folge unkontrollierten wirtschaftlichen Wachstums, die sich schließlich in religiös geprägten Konflikten entladen. "Im kulturellen Bereich liegen hier wesentliche Konfliktlinien mit der islamischen Welt begründet. Die Religionen sind dabei nicht Ursache der Probleme, sondern bilden den sichtbaren Kommunikationsrahmen für eigentlich tieferliegende Fragen, vor allem Gerechtigkeitsfragen und Fragen der Menschenwürde", wobei dies im Nordirland-Konflikt nicht anders sei.


10. Zusammenfassend: Umweltethische Bezüge zur Ressourceneffizienz gibt es sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene
Diese Überschrift stellt ein Fazit des gesamten Artikels dar, das zusammenfassend mit den Einzelthesen (also mit den Überschriften der einzelnen Kapitel) noch einmal dargestellt werden soll:

1. Die FAKTOR-VIER -Idee ist zunächst unabhängig von Ethik
Ressourceneffizienz als ökonomisch-technologische Messgröße ist ethisch neutral genug, um in verschiedenen Wertesystemen umgesetzt zu werden. Damit eignet sie sich als gemeinsamer Nenner für globale ökologische Bemühungen, die zwangsläufig Menschen verschiedener kultureller Herkunft und Tradition einbinden müssen.

2. Doch die Umsetzung von FAKTOR VIER erfolgt nicht in einem ethikfreien Raum
Ressourceneffizienz ist für sich genommen noch kein ethischer Wert, sondern Mittel zur Erreichung von Zielen, die ihrerseits, wie die ökologische Nachhaltigkeit, ethisch begründet werden. Dass Ressourcen geschont werden müssen, lässt sich unabhängig von weiteren Wertvorstellungen behaupten, wenn der gemeinsame Wille zum Fortbestand des Menschen auf der Erde als Basis internationaler Zusammenarbeit dienen kann. Neben rein technischen Maßnahmen können Verhaltensänderungen eine bedeutende Rolle spielen, die womöglich (z.B. im Bereich Ernährung und Bewegung) auch positive Gesundheitseffekte mit sich bringen.

3. Gemehrter Wohlstand, als Ziel der Ressourceneffizienz, lässt sich mit ökonomischen Begriffen allein nicht angemessen definieren
Denn zum Wohlstand gehören außer den materiellen auch immaterielle Aspekte des Lebens.

4. Allerdings liegt im ökonomischen Handeln die Schnittstelle zwischen ethischen Einstellungen des Menschen und den ökologischen Gegebenheiten in der Natur
Die Wirtschaft ist der Lebensbereich, in dem der Mensch existentiell mit den natürlichen Voraussetzungen seines Lebens konfrontiert wird. Wenn menschliches Leben auf der Erde dauerhaft erhalten werden soll, muss sich wirtschaftliches Handeln innerhalb der natürlichen Grenzen bewegen.

5. Ressourcenverbrauch ist die Variable, an der umweltethisch verantwortliches Handeln ansetzen kann
Umweltethische Forderungen lassen sich auf der Basis des Ressourcenverbrauchs operationalisieren, weil dieser - im Gegensatz zu den hochkomplexen Zusammenhängen in Ökosystemen - eine Folge menschlichen Handels ist und außerdem relativ leicht erfasst werden kann. Leichter sicherlich als die Stoffkreisläufe in Ökosystemen.

6. Ressourcenverbrauch ist beeinflussbar durch Technologien, die Grundlagen ökonomischen Handelns liegen aber in den Bedürfnissen der Menschen
Entscheidungen über den Verbrauch von Konsumgütern haben einerseits eine physiologische Grundlage, die über den Mechanismus der Sättigung dem Konsum gleichsam natürlich begrenzt. Doch auf der physiologischen Basis bauen sich durch Lern- und Konditionierungsprozesse eine Vielzahl erworbener Bedürfnisse auf, für die eine natürliche Begrenzung des Konsums nicht existiert. Konsum und damit Rohstoffverbrauch ist dadurch beliebig steigerbar (in Abhängigkeit vom Einkommen der Konsumenten), und in einer auf diesem Mechanismus aufbauenden Wirtschaftssystem wird die Steigerung des Ressourcenverbrauchs zum Zwang.

7. Ressourceneffizienz ist sowohl ein ethisches als auch ein ökonomisch-technisches Erfordernis
Unter den gegebenen Voraussetzungen einer begrenzten Tragfähigkeit der Erde und des menschlichen Anspruchs auf Bedürfnisbefriedigung wird Ressourceneffizienz zu einer umweltethischen Forderung, die in nachhaltigen Wirtschaftsweisen und Technologien erfüllt werden muss.

8. Reflektierte Bedürfnisbefriedigung ist die Basis effizienterer Ressourcennutzung
Am Anfang steht die ethische Auseinandersetzung mit Bedürfnissen und die Analyse, welche von ihnen mit materiellen und welche mit immateriellen Mitteln angemessen befriedigt werden.

9. Ökonomisch-administrative Konzepte bilden den globalen Rahmen für Ressourceneffizienz und ökologisch-soziale Gerechtigkeit
Zielvorgaben, die auf mehr Gerechtigkeit in der Ausstattung der Weltbevölkerung mit materiellen Gütern und sozialen Chancen abheben, werden zunächst in relativ abstrakten Zahlen wie dem Equity-Faktor und der Formel "10:4:34" formuliert, doch führen Sie zu konkreten Maßnahmen, die sich in internationalen Regelwerken und in technologischen Verfahren niederschlagen. Ziel ist eine weltweit sowohl absolut als auch relativ angemessene Ausstattung der Menschen mit Konsumgütern, die die Belastungsgrenzen der Ökosysteme nicht überschreitet.


(Dieser Text ist kein statisches Endprodukt, sondern ist als Zwischenstand eines weiterzuentwickelnden Denkprozesses zu verstehen. Stand: Januar 2003)

Ansprechpartner:
Dr. phil. Markus Wischermann
wischermann@web.de



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